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News

2048 - Big Brother is serving you

Wie gläsern sind wir? Welchen Preis zahlen wir mit unseren Profilen, die mit jedem Klick mehr an Kontur gewinnen? Stehen wir am Anfang einer Entwicklung, die zwangsläufig in Schreckensszenarien endet? Oder ist „Big Brother“ am Ende besser als sein Ruf? Kann die intelligente Nutzung unserer Datenspuren unsere Welt eventuell sogar ein wenig besser machen? Und wenn nicht heute, dann vielleicht im Jahre 2048?

1948 erschien Georg Orwells düstere Zukunftsvision eines totalen Überwachungsstaates mit dem Titel „Nineteen Eighty-Four“. Der Romanheld Winston Smith ist im sogenannten Ministerium für Wahrheit damit beschäftigt, unbequeme Fakten und Daten zu manipulieren oder zu löschen und so die historische Wahrheit für die Öffentlichkeit und Nachwelt zu verfälschen. Sein Leben ist geprägt von Versorgungsproblemen, ständiger Überwachung, Angst und einem Mangel an persönlichen Beziehungen. Sein Versuch, dem System zu entrinnen, scheitert letztlich. Mittels Gehirnwäsche wird er wieder assimiliert. Heute, 30 Jahre nachdem Orwells Dystopie in Szene gesetzt wurde, zeichnen sie die Whistleblower um Wikileaks oder Edward Snowden realer denn je.

Es trifft zu: Wir leben heute in einer Welt, in der wir detaillierte Datenspuren hinterlassen. Nicht Mikrofone und Hubschrauber der Regierungsapparate aus Orwells Roman sind es, die uns überwachen. Es sind vielmehr die kommerziellen Datenkraken, die Hersteller unserer mobilen Devices, Logistik- und Telekommunikationsunternehmen, die unsere Aktivitäten in Social Media und auf Shoppingplattformen, unsere Standorte, Gespräche und Interaktionen erfassen, messen und auswerten. Allen voran die führenden Suchmaschinen, die bis zu 4 Milliarden Suchanfragen täglich erhalten und stets wissen, wo wir uns aufhalten, wohin wir gehen, welche Bedürfnisse wir haben und mit welchen Kontakten, Marken, Inhalten und Orten wir in welcher Intensität interagieren. Nicht nur wir als Nutzer, nein, unser ganzer Kontext wird plastisch und greifbar.

Technology in action

Die unglaubliche Menge von fünf Milliarden Gigabyte an Daten entsteht so alle 10 Minuten. Zum Vergleich: Es dauerte von Beginn der Menschheit bis zur digitalen Revolution 2003, um dieselbe Datenmenge zu erzeugen. Das „Internet der Dinge“ wird die Datenmengen durch eine totale Vernetzung n-fakultativ skalieren. Einerseits werden wir mit den „Wearable Devices“, tragbaren Alltagsgegenständen, relevante Informationen über unsere Zustände und unsere Befindlichkeiten ausliefern. Zum anderen wird „Smart Home“, unser Zuhause der Zukunft, welches mit uns und unseren Lebensgewohnheiten interagiert, unsere Kontextualität um neue Dimensionen anreichern: Ein absolutes Wissen über uns und unsere unmittelbare Umwelt. Die Informatik hat das in den Forschungsdisziplinen der Künstlichen Intelligenz und Mustererkennung verwissenschaftlicht. Zukunftsmusik? Nein, das ist technischer Stand von heute. Das Internet der Dinge, so räumt Professor Gunter Dueck, ehemaliger Chefstratege von IBM, ein, sei längst schon gelebte Realität, hätten wir nur eine funktionierende Netzabdeckung.

Morgen werden wir Devices nicht mehr nur an uns, sondern auch in uns tragen. Sie werden uns darüber informieren, wie wir uns am besten ernähren, wann wir drohenden Gefahren aus dem Weg gehen sollten, wie wir unsere Gesundheit bewahren und wie wir uns am effizientesten bewegen. Sie werden die optimale und ressourcenschonende Versorgung unserer Häuser und Wohnungen mit Strom, Licht, Wärme und Wasser regulieren. Immer entsprechend unserer Anwesenheit, unseren Bedürfnissen, unserem Gesundheitszustand, der jeweiligen Tages- und Jahreszeit und den herrschenden Wetterbedingungen. Somit werden unsere körperlichen und geistigen Bedürfnisse automatisch und effizient befriedigt.

Ist das ein Schreckensszenario? Das Ende jedweder Selbstbestimmung? Oder kann das auch der Beginn einer neuen Unabhängigkeit sein? Wird Google – als Synonym für alle Datensammler – zum Big Brother in einer neuen Welt der totalen Überwachung? Oder eher Teil eines kuratierenden Systems, das uns nicht überwacht, sondern behütet?

Wenden wir uns erneut Orwells Protagonisten zu: Während er mit Überforderung, Versorgungsproblemen, mit einem Mangel an persönlichen Beziehungen zu kämpfen hat, wird der Mensch in unserer Vision 2048 davon frei sein. Warum?

Es sind keine philosophischen Betrachtungen, die wir anstellen. Sondern ganz einfache Antworten auf die Frage, warum Google & Co Informationen über uns sammeln: Es geht um Relevanz und Effizienz. Als Nutzer liefern wir den Rohstoff für das System, dessen Kunden um Aufmerksamkeit buhlen. Sichtbarkeit ist nur dem Tüchtigen gewährt. Suchmaschinen trennen die Spreu vom Weizen. Für uns: die Nutzer. Ein Beispiel: Die Suchanfrage nach „Big Data“ wirft bei Google ungefähr 854.000.000 Ergebnisse in Bruchteilen von Sekunden aus. Prominent gelistet werden die Ergebnisse, die für uns am relevantesten sind. Je besser uns das System kennt, desto besser das Ergebnis. Wenn wir navigieren, wird uns die Verkehrsroute angezeigt, die für uns am günstigsten ist. Wir finden das Geschäft mit dem besten Angebot, die Werbung mit dem relevantesten Inhalt. Werbung, die wir – wenn das System perfektioniert – nicht als Werbung, sondern Empfehlung, als nützliche, ja hilfreiche Information dankend entgegennehmen.

Aus dem lauten Störrauschen der Überangebote der nördlichen Hemisphäre und der notorischen Unterversorgung der südlichen Halbkugel wird eine intelligente Verteilung von Rohstoffen resultieren, die da neben Information auch Nahrung, Arznei, Bildung, Sicherheit heißen.

Die Systeme werden uns das Denken erleichtern: Haben wir auch wirklich den Herd abgedreht, als wir die Wohnung verließen? Ist noch genug Milch im Kühlschrank? Sind wir warm genug angezogen? Sie werden uns Alltägliches abnehmen: Pause planen, zum Arzt gehen, Einkaufen und vieles mehr. Sie werden uns so neue Zeit verschaffen. Sie werden uns sicher und schnell transportieren. In selbstfahrenden Fahrzeugen, die immer in Bewegung sind und stets dort, wo sie benötigt werden. Sie werden die Warenströme vom Hersteller in den Haushalt optimieren. Das ist auch das Ende jeder Überproduktion, der Wegwerfgesellschaft, der Hypermobilität, der Warte- und Leerlaufzeiten. Angebot und Nachfrage konvergieren. Der Markt wird nicht länger in Sinuswelten geteilt, der Konsument nicht mehr in Schubladen geschoben. Was zählt, sind die Bedürfnisse von Individuen.

Einzig das freie Denken und das freie Handeln werden uns diese Systeme nicht abnehmen können. Sie werden bestenfalls Empfehlungen aussprechen. Alternativen vorschlagen. Kreative Impulse kommen aus unseren sozialen Netzen. Offline wie online. Und wir werden unsere neu gewonnene Freiheit sinnvoll zu nutzen wissen: Mit Zeit für mehr Menschlichkeit, für mehr soziales Miteinander, für Kreativität, für Werte, für all das, was die Maschinen nicht leben können. Für ein neues Demokratieverständnis. In dem nicht Big Brother herrscht, sondern Individualität und Gleichberechtigung.