cenblog

01.12.2011

„Zeitschriftenverleger – Gestalter der neuen Medienwelt“?

„Tiefgehende Einblicke in die Zeitschriftenthemen der Zukunft“ zu geben, versprachen die Veranstalter. Doch während der gesamten Veranstaltung beim den diesjährigen ZEITSCHRIFTENTAGE des VDZ, (Verband deutscher Zeitschriftenverleger) in Berlin ging mir der Titel der Darbietung durch den Kopf und ich sah ein Fragezeichen vor meinem geistigen Auge hinter der Überschrift des Events. Deshalb beginnt mein Bericht auch erst mit der Abendveranstaltung zur Publishers' Night des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) vom 17.11.2011 und der Verleihung der „Goldenen Victoria“ in der ehemaligen Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom in Berlin-Mitte. Zum einen wurde über den Kongress in einschlägigen Medien bereits ausführlich berichtet (Leistungsschutzrecht ja/nein) und zum anderen bin ich der Meinung, dass man bis zum Zeitpunkt der Abendveranstaltung eigentlich nichts verpasst hatte. Denn bis dahin waren bei einem der größten Medienevents Deutschlands keine nennenswerten Ereignisse vorgefallen. Kennen Sie die Autorin Virginia Ironside? Die ganze Veranstaltung erinnerte mich an einen Buchtitel von ihr. Und so festigte sich in mir die Überzeugung ihres leicht variierten Titels: „Nein! Ich will keinen Senioren-Verleger.“

Wenn unser Bundespräsident Wulf sich in seiner Rede für Henry Kissinger dafür bedankt, dass die Amerikaner uns das Überleben zum Ende des Zweiten Weltkrieges gesichert haben mag das durchaus noch seine Berechtigung haben. Wenn dieser Vergleich allerdings den Zeitgeist der Verleger im Jahre 2011 widerspiegelt bereitet es mir Kopfschmerzen: Gerade in diesem Geiste bewegen sich unsere aktuellen Senioren-Verleger und ihre Herren Geschäftsführer. Sie träumen noch von Dingen, die sie in der Nachkriegszeit geschaffen haben, dem Deutschen Wirtschaftswunderland, dem Industriezeitalter Ludwig Wilhelm Erhards, den Zeiten des Kalten Krieges und der journalistischen Freiheit. Alles Dinge, von denen sie sich heute inhaltlich distanzieren. Aber damals konnten sie den Markt noch unter sich aufteilen, ganz in ihrem Element schwimmen und sich einmal im Jahr selbst zelebrieren. Das war die gute alte Zeit. Sie war so schön und liegt (leider) soweit zurück. Doch begraben will man sie ganz offensichtlich noch lange nicht.

So mutete die Preisverleihung der „Goldenen Victoria“ mich befremdlich an und ich ließ sie über mich ergehen. In den Jahren zuvor konnte man sich wenigstens genüsslich - mit Schnittchen und Rotwein versorgt - interessiert zeigen. Dieses Mal blieb der Raum des Genusses bis zum Ende der Vorträge verschlossen – vermutlich um das Publikum an das Victoria-Ritual zu binden.

Ganz im Stil der Oberlehrer, die - wenn man ihnen nicht freiwillig zuhört - mit Zwangsmaßnahmen drohen, um ihre Wahrheit auch sicher an die unwilligen Schüler zu vermitteln. Als man dann endlich in geselliger Atmosphäre zugreifen durfte, war die „Who is Who“- Gesellschaft schon gar nicht mehr da. Doch das scheint den Senioren gar nicht aufgefallen zu sein. Möglicherweise waren die nach Ihrer Senioren-Veranstaltung schon zu erschöpft und legten ein ausgedehntes Nickerchen ein.

Am nächsten Morgen traf man sich dann wohl ausgeruht im trauten Kreise seiner Lieben wieder um dem nächsten »Höhepunkt« der Veranstaltung bei zu wohnen. Hier gab Bundeskanzlerin Merkel den Verlegern das sichere Gefühl monpolistischer Zeitschriften-Distribution, die, wenn es gar nicht anders ginge, durch die Politik geregelt werde. Merkels Aussage zum Leistungsschutzrecht »Wir haben's nicht vergessen« wurde mit Erleichterung (fast) des ganzen Publikums quittiert. „Ja so sanns unsere Gspusis...“ Wenn´s mit der eigenen Leistung nicht mehr klappt, müssen hat die „Spelzn“ aus der Politik aushelfen.

Falls man Gefahr lief, sich zwischendurch versehentlich Gedanken um Anzeigenverluste und fehlende Konzepte in einer digitalen Welt zu machen, konnte man sich doch schnell wieder mit seinesgleichen in die Welt der Vergangenheit flüchten, in der die größte Innovation in der Gestaltung der wöchentlichen Titelseiten der Kiosk-Beladungen bestand.

Mein trauriges Fazit: Hier wird nicht innoviert. Märkte sind woanders. Die digitale Medienwelt bleibt eine Analogie. Und wären Verleger keine Senioren sondern Vogel-Sträuße, dann hätte es viel Sand gebraucht für die ehrwürdige Kopfschar.
Übrigens: Der Appetit auf die Schnittchen und den Rotwein war mir dann auch vergangen. Das ganze schmeckte nach dieser Veranstaltung dann doch mehr wie ein 'Seniorenteller' und, um mit 'Virginia Ironside’s Buchtitel zu sprechen, „Nein! Ich will keinen Seniorenteller!" Noch Nicht!

Dieter Reichert

Dieter Reichert

Dieter Reichert ist Mitbegründer der censhare AG und dort als CCO verantwortlich für den strategischen Aufbau und die weltweite Vermarktung des censhare Publikationssystems. Sein über 20-jähriges Know-how im Publikationsbereich hat er bei Verlagen sowie als Visionär und Gründer verschiedener medienspezifischer IT Unternehmen gesammelt.

Neuer Kommentar:

Wir behalten uns vor, Kommentare, die gegen unsere Nutzungsbedingungen oder Kommentarrichtlinien verstoβen, teilweise oder vollständig zu löschen.

Über uns

Die Autoren des cenblog kommentieren aktuelle Entwicklungen rund um die Themen Publishing und Collaboration, dem damit verbundenen Change Management sowie dem Informationsmanagement der Zukunft. Das Ergebnis ist ein Mix aus fachlich anspruchsvollen Beiträgen und einem Blick hinter die Kulissen der censhare Offices weltweit. Wir freuen uns auf einen aktiven Austausch mit der censhare Community und auf interessante Kommentierungen!

cenblogcenshare News appcenshare @ LinkedIncenshare @ XINGcenshare on google+censhare @ YouTubecenshare @ SlideShare