Aktuelles

20.12.2010

Auslaufmodell oder Dauerbrenner?

Der moderne mediale Prosument, so glauben manche, trägt den Dolch im Gewande, der den Printmedien endgültig den Garaus macht. Denn mit ihm, halb Konsument, halb selber Produzent von Inhalten, so das Argument, haben Verlage ihre Funktion verloren. Vermittler brauchte man vorgestern. Heute kann jeder alle jederzeit erreichen und zwar ohne eine Druckmaschine oder ein Fernsehstudio zu besitzen. Und in dem Maß, indem jeder diese Möglichkeit nutzt, um aktiv und selbstbestimmt zu kommunizieren, werden Gatekeeper überflüssig, verschwinden die Medienmonopole mit ihrer Meinungsmacht, verschmelzen Autor und Verleger und verwandelt sich der Verlag in ein Relikt der analogen Zeit.

Auch wenn das im ersten Moment recht schlüssig klingt - eine Sekunde bitte: Warum trägt dann eigentlich zum Beispiel Wikileaks seine Inhalte Printmagazinen an? Ausgerechnet Wikileaks, die Speerspitze der unzensierbaren Informationsfreiheit, dealt recht undurchsichtig mit Flaggschiffen der Printmedienwelt? Wieso? Ausgerechnet Wikileaks, ein prototypisches Internet-Geschöpf, das schon im Namen eher die Nähe zu sozialen Netzen als zu althergebrachten Medien betont, dient sich Zeitungen an? Warum?

Viele Gründe für Print

Es gibt sicher diverse Gründe. Einer könnte - wie so oft - das Geld sein. Wikileaks hat Kosten von geschätzten 150 000 Euro im Jahr. Um sie einzuspielen, werben Julian Assange und seine Mitstreiter um Spenden, haben aber auch schon versucht, Informationen zu versteigern. Das scheiterte jedoch 2008 am Aufwand. Für den direkten Inhalteverkauf an Endkunden fehlt Wikileaks allerdings der Marktzugang, das Instrumentarium und sicher auch die Kaufbereitschaft. Der Spiegel dagegen hatte die gesamte Auflage 48/2010 mit dem Bericht über die US-Depeschen, ganze 1,25 Millionen Exemplare, am zweiten Tag ausverkauft und musste nachdrucken. Die letzte Spiegel-Ausgabe mit ähnlichem Erfolg datiert auf das Jahr 1995. Für das Printmagazin war es also sicher kein schlechtes Geschäft. Nur: Kaum jemand, der 3,80 Euro für eines dieser Hefte verauslagt hat, hätte denselben Betrag als Eintrittsgeld für die Wikileaks-Webseite ausgegeben. Sofern keine direkten Zahlungen im Spiel gewesen sind, bleibt den Netzpiraten also zumindest zu hoffen, dass sich die via Zeitungen und Zeitschriften erzeugte Publicity in Spendenfreudigkeit übersetzen lässt.


Aber es geht bei dieser Kooperation um mehr als nur um Geld. Ohne die Printmagazine wüssten wir zum Beispiel auch nicht, dass die amerikanischen Diplomaten etwa Westerwelle für eine "überschäumende Persönlichkeit" mit "sehr wenig eigenen Ideen" halten. Denn niemand hätte 250 000 Dokumente lesen können oder wollen, um aus einem Wust aus alltäglichen, wenig interessanten oder sehr speziellen Geschäftsnotizen die zwei Dutzend Depeschen zu fischen, die hierzulande wirklich Sprengstoff bergen oder auch nur erheitern. Der Spiegel hat nach eigener Aussage 50 Redakteure fünf Monate lang damit beschäftigt. Ohne diese Sisyphusarbeit wären die "Embassy Files" nur ein nutzloses und langweiliges Konvolut aus Diplomatenmails. Es erweist sich: Wir brauchen Filter, wollen wir nicht in der Datenflut ersaufen. Wir müssen sortieren, bewerten, einordnen - und Medien leisten genau das. Tonnen blanker, ungesiebter Information sind dagegen in der Regel wertlos.

Dazu kommt der Service der sachlichen und sprachlichen Aufbereitung, den die Zeitungen geleistet haben. Zwar stoßen sie dabei in diesem Fall der schieren Menge wegen an Grenzen, aber immerhin bot etwa der Guardian eine Karte, die die Verteilung der Herkunftsländer der Depeschen über die Welt zeigte, und ergänzte einige mit passenden Artikeln aus dem eigenen Archiv, um den historischen Kontext zu liefern (http://www.guardian.co.uk/world/interactive/2010/nov/28/us-embassy-cables-wikileaks). Journalistisches Handwerk leistet so Verständnishilfe.

Drittens: Die Wikileaks Webseite rangiert etwa im Alexa-Page-Ranking auf Platz 861, aber die New York Times zum Beispiel auf Platz 92 (Spiegel 138, Guardian 201). Außerdem verlinken viermal so viele Sites zur Times als zu Wikileaks.org. Das heißt: Die Printmedien verschaffen Wikileaks ein weiteres Mal Reichweite und Aufmerksamkeit, die es alleine niemals bekommen könnte. Sie sind als Multiplikatoren gefragt. Es ist die gute alte Zeitung, die auch im Netz Leser bindet und zwar in diesem Fall sogar viel mehr als selbst ein so spektakuläres Webportal wie Wikileaks.

Viertens: Die halbe Hundertschaft Spiegel-Redakteure und ihre vielen Kollegen beim Guardian und bei der New York Times, die die Depeschen verifiziert haben, gaben Wikileaks damit etwas Unbezahlbares obendrauf: Nämlich Glaubwürdigkeit. Kaum ein privater Leser könnte das Material auf Echtheit und Konsistenz prüfen. Wo Wissen fehlt, bliebe nur der Glaube. Nun aber steht eine Medieninstitution mit ihrer Reputation für die Seriosität ein und ein großes Team aus Faktenprüfern hat ein immenses Arbeitspensum investiert. Ihnen muss man daher nicht mehr blind vertrauen, denn jetzt spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Informationen valide sind.

Fazit

Jeder könnte sich einen Backofen kaufen und vielleicht auch ein Stück Land pachten, aber nicht jeder kann und will Bäcker oder Bauer werden. Genauso wenig wie Journalist – der Bürgerjournalist ist eine Fiktion. Man nennt das Phänomen gesellschaftliche Arbeitsteilung und perfektioniert es seit Jahrtausenden. Journalisten sind ein Produkt dieser Entwicklung. Sie sind die Spezialisten für den sicherlich wichtigsten Rohstoff dieser Zeit, die Information. Sie herauszufiltern, zu verifizieren, zu veredeln, schließlich zu verbreiten ist ihr Handwerk. Und dieses Handwerk hat das Netz nicht überflüssig gemacht. Es ist nötiger denn je.


Heißt das nun, Printmedien hätten keine Probleme? Keineswegs, viele stecken ohne Zweifel in Schwierigkeiten. Auflagen- und Anzeigenrückgänge sind Tatsachen, Qualitätsverluste als Folge rigider Sparpolitik ist leider Realität, nach einem tragfähigen Geschäftsmodell fürs Internet wird verzweifelt gesucht. Aber: Printmedien sollten sich trotz allem nicht einreden lassen, es bliebe ihnen nichts, als aufzugeben. Schließlich können sie nach wie vor Möglichkeiten und Vorteile ins Feld führen, die das Internet nicht allein durch seine bloße Existenz ersetzt. Das zeigt das Beispiel Wikileaks, wo ein prominenter Netizen um die Unterstützung durch Printmedien buhlt. Das Papier, das sie verwenden, mag auf lange Sicht verschwinden, aber ihr Informationshandwerk wird gebraucht. Auch und gerade im Internetzeitalter.

J.-C. Brendel

J.-C. Brendel

Jens-Christoph Brendel arbeitete die meiste Zeit seines bisherigen Berufslebens an und mit IT in Redaktionen. Dabei pendelte er mehrmals vom Redakteursschreibtisch an die Admin-Konsole und zurück. Momentan ist er als Chefredakteur für das Portal Linux Technical Review verantwortlich.

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